Der Relative Strength Index (RSI), entwickelt von J. Welles Wilder 1978, ist einer der am häufigsten verwendeten Momentum-Oszillatoren. Er misst die Geschwindigkeit und das Ausmaß von Preisänderungen und identifiziert überkaufte sowie überverkaufte Bedingungen.
RSI = 100 - (100 / (1 + RS))
RS = Durchschnittlicher Gewinn / Durchschnittlicher Verlust
(über die letzten n Perioden)
Standardeinstellung: 14 Perioden
Beispiel:
- Durchschnittlicher Gewinn (14 Tage): 1,5%
- Durchschnittlicher Verlust (14 Tage): 0,75%
- RS = 1,5 / 0,75 = 2,0
- RSI = 100 - (100 / 3) = 66,67
Der RSI oszilliert immer zwischen 0 und 100.

| Zone | Klassisch | Trend-Anpassung (Bull) | Trend-Anpassung (Bear) |
|---|---|---|---|
| Überkauft | über 70 | über 80 | über 60-65 |
| Neutral | 30-70 | 40-80 | 20-60 |
| Überverkauft | unter 30 | unter 40 | unter 20 |
Erkenntnis von Andrew Cardwell (später von Constance Brown verbreitet): In Aufwärtstrends bewegt sich der RSI typischerweise zwischen 40 und 80, in Abwärtstrends zwischen 20 und 60. Wilder selbst arbeitete nur mit den klassischen Zonen 30/70.
Preis und RSI laufen auseinander: Der Preis macht ein neues Extrem, der RSI bestätigt es nicht – ausführlich in Modul 7.
Bullische Divergenz:
Preis: ↘ ↘ ↘ (tiefere Tiefs) RSI: ↗ (höhere Tiefs) → Verkaufsdruck lässt nach → potenzielle Umkehr
Bärische Divergenz:
Preis: ↗ ↗ ↗ (höhere Hochs) RSI: ↘ (tiefere Hochs) → Kaufdruck lässt nach → potenzielle Umkehr

Bullischer Failure Swing: 1. RSI fällt unter 30 2. RSI steigt über 30 3. RSI fällt wieder, bleibt aber über 30 4. RSI überwindet das Zwischenhoch → Kaufsignal Bärischer Failure Swing: 1. RSI steigt über 70 2. RSI fällt unter 70 3. RSI steigt wieder, erreicht aber nicht 70 4. RSI unterschreitet das Zwischentief → Verkaufssignal
| Periode | Charakteristik | Verwendung |
|---|---|---|
| 7 | Sehr schnell, mehr Signale | Kurzfristiges Trading, volatile Märkte |
| 14 | Standard, ausgewogen | Allzweck, Swing-Trading |
| 21 | Langsamer, weniger Signale | Positionstrading, weniger Rauschen |
| 50 | Sehr langsam | Langfristige Trendanalyse |
Andrew Cardwell verfeinerte Wilders RSI-Interpretation:
Praktische Anwendung:
| Aspekt | RSI | Stochastik |
|---|---|---|
| Berechnung | Gewinne vs. Verluste | Position in der Range |
| Geschwindigkeit | Langsamer, glatter | Schneller, mehr Signale |
| Extremzonen | 30/70 | 20/80 |
| In Trends | Besser für Trend-Range | Besser für reine Ranges |
| Divergenzen | Sehr zuverlässig | Häufiger, weniger zuverlässig |
| Fehler | Warum falsch | Richtig |
|---|---|---|
| „RSI über 70 = sofort verkaufen“ | RSI kann wochenlang über 70 bleiben | Auf Divergenz oder Trendbruch warten |
| Gegen den Trend handeln | Extreme sind Trendstärke | RSI für Einstiege in Trendrichtung |
| RSI isoliert nutzen | Kein Kontext | Mit Price Action kombinieren |
Hinweis: Schematisches Beispiel mit vereinfachten, nicht historisch exakten Kursen.
Beispiel: Microsoft (MSFT) Tageschart mit RSI (14)
Bärische Divergenz (am Ende des Aufwärtstrends):
| Element | Hoch 1 | Hoch 2 (ca. 2 Wochen später) |
|---|---|---|
| MSFT-Kurs | 453 USD | 468 USD (höheres Hoch) |
| RSI | 72 | 65 (tieferes Hoch) |
Ergebnis: 12 Tage später: MSFT bei 388 USD (-17%!)
Bullische Divergenz (in der anschließenden Korrektur):
| Element | Tief 1 | Tief 2 (ca. 1-2 Wochen später) |
|---|---|---|
| MSFT-Kurs | 395 USD | 388 USD (tieferes Tief) |
| RSI | 28 | 35 (höheres Tief) |
Ergebnis: 3 Wochen später: MSFT bei 430 USD (+11%)
Risikohinweis: Diese Lektion dient ausschließlich der Bildung und stellt keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Der Handel mit Aktien, ETFs, Derivaten und Kryptowährungen ist mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Beispiele und Musterlösungen sind vereinfacht und rückblickend ausgewählt; vergangene Kursverläufe sind keine Garantie für zukünftige Entwicklungen. Treffen Sie Anlageentscheidungen nur auf Basis eigener Prüfung.