Im April habe ich geschrieben: Lower High bis zum Beweis des Gegenteils. Der Markt hat den Beweis geliefert. Nur nicht so, wie ich es erwartet hatte.
Wer eine Markteinschätzung veröffentlicht, schuldet seinen Lesern auch die Abrechnung. Deshalb geht es in diesem Beitrag zuerst darum, was aus meiner Frühjahrsthese geworden ist, und erst danach darum, wo der DAX heute steht und was ich daraus für den Winter ableite.
Die Abrechnung: Der Markt hatte recht, ich nicht
Meine These im April war klar. Der DAX stand bei 24.129 Punkten, mitten in der Schlüsselzone zwischen 23.500 und 24.500, in der sich gleitende Durchschnitte und ein massiver Volumenknoten verdichteten. Ich hielt ein Lower High für das wahrscheinlichste Szenario, mit dem Bereich um 21.000 Punkte als Ziel auf der Unterseite.
Gekommen ist das Gegenteil. Der Markt hat die Zone nicht nur zurückerobert, er ist durch sie hindurchmarschiert. Anfang Juli ein neues Rekordhoch bei rund 25.550 Punkten, Anfang August über 26.000, und am 28. August das bisherige Allzeithoch bei 26.619 Punkten. Die Wand aus Angebotsvolumen, die im Frühjahr jede Erholung ausgebremst hatte, wurde im Sommer einfach durchgekauft.
Was war mein Fehler? Nicht die Lesart der Struktur, die war im März und April korrekt beschrieben. Der Fehler lag in der Gewichtung. Ich habe der Makro-Kulisse mehr zugetraut, den Chart zu dominieren, als sie tatsächlich vermochte. Öl bei 97 Dollar, eine Fed in der Falle, Inflation auf dem Rückweg nach oben: Alles davon ist eingetreten, zum Teil sogar schärfer als erwartet. Und der DAX ist trotzdem um 2.500 Punkte gestiegen. Märkte können eine schlechte Nachrichtenlage länger ignorieren, als eine Einzelmeinung durchhält. Das wusste ich. Ich habe es trotzdem unterschätzt.
Das Lower High kam doch. Nur später und höher.
Und jetzt die Pointe, die ich mir im April nicht hätte ausdenken können. Die Struktur, auf die ich damals gewartet habe, hat sich inzwischen ausgebildet. Nur eben nicht unterhalb von 24.500, sondern oberhalb von 26.000.
Seit dem Augusthoch ist der Markt in eine Korrektur übergegangen. Der September brachte ein Minus von rund 4 Prozent, am 1. Oktober schloss der DAX erstmals seit dem Sommer wieder unter 25.000. Die anschließende Erholung trug ihn bis knapp 25.600, und genau dort ist sie liegen geblieben. Das ist, rein strukturell, ein tieferes Hoch unter dem Allzeithoch. Am Freitag ging der Index mit 25.182 Punkten aus dem Handel, im Tagesverlauf fiel er bis 25.014 und damit unter das Vorwochentief. Auf Wochensicht stand ein Minus von 1,7 Prozent.
Die entscheidende Zone hat sich damit verschoben. Nicht mehr 23.500 bis 24.500 ist der Prüfstein, sondern der Bereich um 24.900 bis 25.000 Punkte. Dort liegt die 200-Tage-Linie bei etwa 24.879, dort liegt die runde Marke, dort liegt das Oktobertief. Solange dieser Bereich hält, ist die Bewegung seit August eine Korrektur im übergeordneten Aufwärtstrend. Fällt er, wird aus dem tieferen Hoch eine bestätigte Trendwende, und die alte Zone zwischen 23.500 und 24.500 wird wieder zum Thema, diesmal als Unterstützung.
Ich formuliere das bewusst als Bedingung und nicht als Prognose. Die Lektion aus dem Frühjahr ist, dass der Markt die Entscheidung trifft, nicht meine Überzeugung.
Die Makro-Kulisse: Alles eingetreten, nichts eingepreist
Was den Herbst vom Frühjahr unterscheidet, ist die Qualität der Belastungen. Im April waren sie Risiken. Heute sind sie Daten.
Öl. Brent hat die Woche bei knapp 117 Dollar beendet, der höchste Stand seit dem Frühjahr und ein Plus von mehr als 80 Prozent seit Jahresbeginn. Drohnenangriffe auf saudische Ölanlagen, ein Angriff auf den Flughafen von Dammam, Aramco räumt die eigene Zentrale. Die Straße von Hormus bleibt das Nadelöhr des Jahres. Und aus Washington kommt die Ansage, man verhandle nicht mit dem Iran. Das ist keine Entspannung, die man einpreisen könnte.
Inflation. Die Eurozone hat im September 3,8 Prozent gemeldet, nach 3,2 Prozent im August. Energie allein liegt bei plus 18,8 Prozent. Die Kernrate steht bei 2,5 Prozent und steigt langsam. Genau das war die Frage, die mich im April beschäftigt hat: Bleibt es beim Energieschock oder sickert er in die Kernkategorien? Die Antwort lautet bisher: langsam, aber ja.
Notenbanken. Die EZB hat im Juni und im September erhöht, der Hauptrefinanzierungssatz liegt bei 2,65 Prozent. Die Fed hat am 16. September zum ersten Mal seit 2023 angehoben, einstimmig, auf 3,75 bis 4,00 Prozent. Beide tagen in der kommenden Woche. Für die Fed wird eine Pause erwartet, aber mit Blick auf den Dezember bleibt eine weitere Erhöhung auf dem Tisch. Dabei schwächeln die US-Arbeitsmarktdaten bereits, und die Kerninflation nach PCE ist im August auf 3,0 Prozent zurückgekommen. Die Falle, die ich im April beschrieben habe, ist also zugeschnappt: Die Fed erhöht in eine abkühlende Wirtschaft hinein, weil der Ölpreis ihr keine andere Wahl lässt.
Gebert. Der Gebert-Indikator steht seit August auf Verkaufen. Von den vier Teilindikatoren liefert nur noch der Wechselkurs einen Punkt. Leitzins, Inflation und Saisonalität stehen alle auf Null. Das Modell hat im Sommer das Rekordhoch verpasst, das muss man fair sagen. Aber es hat die Korrektur seit August sauber begleitet. Die aktuelle Tabelle findet ihr im Gebert-Beitrag.
Die amerikanische Ausnahme bekommt Risse
Der S&P 500 steht bei 7.624 Punkten, rund 7 Prozent über dem Aprilniveau. Oberflächlich hat sich die Ausnahme also fortgesetzt. Aber die vergangene Woche hat gezeigt, wo die Bruchstelle liegt. Nicht beim Öl, nicht bei der Fed, sondern bei der Frage, ob sich die KI-Investitionen jemals rechnen.
Meta hat sein Investitionsbudget für dieses Jahr auf 135 bis 145 Milliarden Dollar erhöht und gleichzeitig beim Gewinn enttäuscht. Die Reaktion: minus 7 Prozent. Nvidia verlor an einem Tag 4,4 Prozent, der Nasdaq hatte seinen schwächsten Tag seit Juni. Der Markt hat zum ersten Mal die Rechnung aufgemacht, die er anderthalb Jahre lang nicht aufmachen wollte: Wer bezahlt die Rechenzentren, und wann kommt das Geld zurück? Steigende Anleiherenditen verteuern diese Finanzierung Monat für Monat.
Im April hatte ich die Fondsmanager-Umfrage zitiert: bearish gestimmt, aber long positioniert, FOMO mit Magenschmerzen. Die Magenschmerzen sind geblieben. Die Positionierung beginnt sich zu ändern.
Gold erzählt eine andere Geschichte als gedacht
Hier muss ich die zweite Korrektur an mir selbst vornehmen. Im April stand Gold bei 4.711 Dollar, und ich habe geschrieben, dass Gold die Zukunft zeige, die der Aktienmarkt noch nicht eingepreist habe. Am Freitag ist Gold unter 4.000 Dollar gefallen, ein Dreimonatstief, die schwächste Woche seit Juni, rund 15 Prozent unter dem Aprilniveau und mehr als 20 Prozent unter dem Januarhoch.
Das widerspricht meiner Lesart nicht vollständig, aber es präzisiert sie. Gold fällt, obwohl Öl steigt und der Nahe Osten brennt. Das heißt: Der Markt hat derzeit keine Systemangst, sondern eine Zinsangst. Wer Schutz sucht, geht in kurzlaufende Staatsanleihen mit 4 Prozent, nicht ins zinslose Metall. Erst wenn die Notenbanken wieder lockern müssen, obwohl die Inflation noch da ist, dreht dieses Verhältnis. Dann wird Gold interessant. Vorher ist es ein Markt, der seine Übertreibung aus dem Winter abbaut.
Das Zwischenwahljahr-Muster läuft nach Plan
Ein Punkt aus dem April hat sich dagegen bisher bestätigt, und ausgerechnet der ist für die kommenden Monate der wichtigste. Das Muster des Zwischenwahljahres sieht ein schwaches zweites und drittes Quartal vor, ein Tief im Herbst und danach die eigentliche Rally. Die Midterms sind am 3. November. Der DAX korrigiert seit Ende August, der Nasdaq seit Mitte Oktober. Das passt zeitlich erstaunlich gut.
Was dieses Muster nicht liefert, ist das Niveau. Ob das Herbsttief bei 25.000 liegt oder bei 23.500, entscheidet sich an der Zone, die ich oben beschrieben habe, und an zwei Terminen: den Notenbanksitzungen nächste Woche und der Wahl in der Woche danach. Berichten zufolge wird in Washington über neue Angriffe auf den Iran nach den Midterms gesprochen. Wenn das stimmt, ist die Ölfrage im November nicht beantwortet, sondern vertagt.
Fazit: Weniger Überzeugung, mehr Bedingungen
Der Sommer hat mich eines gelehrt: Eine saubere Analyse der Marktstruktur schützt nicht davor, den Zeitpunkt zu verfehlen. Die Struktur, die ich im April erwartet habe, ist da. Sie kam ein halbes Jahr später und 2.500 Punkte höher. Wer danach gehandelt hat, hat den Anstieg verpasst, und das gehört ehrlich gesagt.
Für den Winter halte ich es deshalb mit Bedingungen statt mit Prognosen. Hält der DAX den Bereich um 25.000, ist die Korrektur seit August eine Verschnaufpause in einem intakten Aufwärtstrend, und das Zwischenwahljahr-Muster spricht ab November für die Oberseite. Fällt er darunter, ist das tiefere Hoch bei 25.600 bestätigt, und die alte Zone zwischen 23.500 und 24.500 wird zum nächsten Test. In beiden Fällen gilt: Die Entscheidung fällt im Chart, nicht in der Nachrichtenlage. Das war im Frühjahr so. Es wird im Winter nicht anders sein.
Der Markt hat gesprochen. Diesmal habe ich zugehört.
Disclaimer: Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Er reflektiert eine persönliche Markteinschätzung auf Basis öffentlich verfügbarer Daten (Stand: 23. Oktober 2026). Jede Investitionsentscheidung liegt in der eigenen Verantwortung.

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